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Beer, Alfred

rk, Zollbeamter
* Eslarn 12.01.1922
+ Fürstenfeldbruck 2014
-Erinnerungen von Alfred Beer-

Meine russische Kriegsgefangenschaft

Vorwort
Lange, fast zu lange habe ich gewartet, um meine Lebensgeschichte aus der Zeit vom 5. Mai 1945 bis zum 31. Oktober 1946 niederzuschreiben. Nach nunmehr 55 Jahren sind natürlich viele Episoden aus meinem Gedächtnis entschwunden. Aber das, was ich auf den folgenden Seiten zu Papier gebracht habe, ist mir in Erinnerung geblieben und sollte genügen, dieses Büchlein ausreichend zu füllen. Ich versichere, dass die Schilderungen meiner Erlebnisse wahrheitsgetreu und in keinster Weise aus der Luft gegriffen sind, auch wenn manches etwas dramatisiert erscheinen mag.
Im Übrigen habe ich die Abhandlung meinen drei Enkelkindern gewidmet.

Die Kapitulation
Man schrieb den 5. Mai 1945. Meine Militäreinheit, eine Nachrichtennahaufklärungs-kompanie, die u. a. mit der Aufgabe bedacht war, den russischen Funkverkehr zu überwachen (ich war Horchfunker), machte Stellungswechsel und war auf dem Weg Richtung Libau, ei-nem lettischen Ostseehafen. Unterwegs erreichte uns die überraschende Nachricht, dass die Führung der deutschen Wehrmacht gegen die Alliierten kapituliert habe. Die im lettischen Kurland und im südlichen Teil von Estland eingesetzten Wehrmachtsteile, zu denen ja auch meine Einheit gehörte, waren in diesem Gebiet schon seit etlichen Wochen abgeschnitten. Die russischen Streitkräfte waren südlich davon bis zur Ostsee vorgedrungen und hatten auch schon das damalige Ostpreussen und Pommern besetzt. Der vorgenannte Stellungswechsel hatte zum Ziel, in Libau eingeschifft zu werden und auf dem Seeweg nach Dänemark zu kommen. Der Hafen Libau wurde - zum Glück vielleicht - nicht mehr erreicht; denn vom Hö-rensagen erfuhren wir, dass Transportschiffe mit deutschen Einheiten, die sich bereits auf See befanden, von den alliierten Luftstreitkräften bombadiert bzw. versenkt worden waren. Für viele deutsche Soldaten wurde die Ostsee zum Seemannsgrab. Hätte meine Einheit zwei Tage früher den Hafen Libau erreicht, wer weiß, ob mich dabei das gleiche Schicksal ereilt hätte. Unsere in dem von den Russen noch nicht eroberten Gebiet verbliebenen Einheiten mussten sich also ihrem Schicksal ergeben.
Der Weg in die Gefangenschaft
Während wir noch etwa drei Tage von den russischen Truppen unbehelligt blieben, hatten wir Gelegenheit, uns in einem in der Nähe befindlichen deutschen Verpflegungslager mit so-genannten "eisernen Portionen" (Schweinefleischkonserven) und anderen Lebensmitteln (Brot, Keksen) einzudecken. Es kam in diesen drei Tagen immer wieder vor, dass wir mit rus-sischen Partisanen, die sich vor der Kapitulation - sei es in Häusern oder Wäldern - versteckt hielten, konfrontiert wurden. Überraschenderweise hatten sie es nicht auf die von uns im Tornister verstauten Lebensmittel, sondern in erster Linie auf bestimmte, für sie rare Gegen-stände abgesehen. Dazu zählten Uhren, Ledergürtel, Fingerringe, Offiziersstiefel. Sich gegen diese Forderungen zu wehren, wäre zwecklos gewesen und hätte unter Umständen böse Fol-gen nach sich ziehen können. Wir hatten uns unserer Waffen irgendwo bereits entledigt, wäh-rend die Partisanen bewaffnet waren. Nebenbei erwähnt ging meine Armbanduhr nicht in den Besitz eines Partisanen über. Ich hatte sie in Voraussicht der zu erwartenden Geschehnisse vorher in einen Bach geworfen.
Am vierten Tag unserer "Irrfahrt" durch die Gegend erschien ein schon vorher vermutetes russisches Kommando, das die Aufgabe hatte, uns in ein Gefangenen-Auffanglager zu diri-gieren. Auf dem Wege dorthin wurden wir ständig von einigen halbwüchsigen Burschen ver-folgt mit dem Ziel, uns die Tornister von der Schulter zu reißen. Davon waren hauptsächlich die hinteren Reihen der Gefangenenkolonne betroffen. Deswegen wollte niemand am Ende marschieren. Der russische Kommandant und seine Begleitmannschaft machten keine Anstal-ten, die Übergriffe dieser Burschen zu unterbinden. Ja, man hatte den Eindruck, dass sie es stillschweigend duldeten. Schliesslich waren wir froh, nach mindestens drei Stunden Fuß-marsch und bei großer Hitze das Auffanglager erreicht zu haben. Dort wurden wir in mehre-ren Zelten untergebracht. Die mitgefangenen Offiziere (ab Leutnant aufwärts) wurden ausge-sondert und erhielten getrennte Unterkünfte. Wohin die Offiziere gebracht worden sind, blieb unbekannt.

Der Zugtransport in Richtung Ural
Welches Schicksal würde uns nun bevorstehen? Nach wenigen Tagen Aufenthalt wurden wir in Kenntnis gesetzt, dass wir in einen in der Nähe befindlichen Bahnhof bereitgestellten Gü-terzug verladen würden. Über das Ziel wurden wir natürlich nicht informiert. Es gab tatsäch-lich einige Optimisten, die glaubten, es ginge in Richtung Heimat. Ich schloss mich dieser Meinung nicht an. Nach der Verladung in den Güterzug - es waren ca. 60 Mann in einem mit Stroh ausgelegten Waggon untergebracht - wurde natürlich gerätselt, wohin die "Reise" gehen würde. Die Ungewissheit nagte - zumindest bei mir - im Inneren meines Körpers. Noch konn-te man nicht feststellen, in welche Himmelsrichtung der Zug sich bewegte. Die Ungewissheit löste sich am folgenden Morgen bei der Essensausgabe. Der Zug rollte ostwärts. Dies konnte man am Sonnenstand leicht erkennen. Es gab während des ganzen Transportes nur einmal und immer die gleiche undefinierbare Suppe. Gott sei Dank konnten wir noch nebenbei von den im Verpflegungslager "erbeuteten" eisernen Rationen zehren. Es ging weiter ostwärts. Soweit ich nach etwa vier Tagen beurteilen konnte, mussten wir uns in einem Gebiet nördlich von Moskau befinden. Tatsächlich hatte ich mich darin nicht getäuscht; denn beim Passieren eines größeren Bahnhofs konnte ich dank meiner Kenntnisse der kyrillischen Buchstaben, die ich mir während des Einsatzes an der Ostfront (westlich des llmensees) angeeignet hatte, den Ortsnamen lesen: Gorki (früher Nischni Nowgorod). Das bedeutete, dass wir schon etli-che tausend Kilometer von der Heimat entfernt waren! Und es ging immer weiter ostwärts.
Die hygienischen Umstände in den Waggons nahmen inzwischen bedrohliche Formen an; denn die Notdurft konnte während der Fahrt nur im Waggon verrichtet werden. Als "Klosett" diente ein alter Blechkübel, der erst bei einem Halt auf freier Strecke entleert werden konnte.
Wir zählten den neunten Tag. Endlich, nachdem wir den Bahnhof Swerdlowsk hinter uns ge-lassen hatten, drang die Kunde durch, dass das Ende des Transports nahe wäre. Wir befanden uns also mitten im Ural und waren dennoch erleichtert, unser "Gefängnis" bald verlassen zu können. Das Gebiet lag bereits auf der sibirischen Seite des Urals. Die Entladung fand auf freier Strecke statt. Außer einigen in der Gegend verstreuten Gehöften konnten wir eine grö-ßere Siedlung nicht entdecken. Nunmehr ging es zu Fuß weiter. Nach wenigen absolvierten Kilometern bekamen wir von weitem mehrere Fördertürme zu Gesicht, woraus unschwer zu erraten war, dass wir uns einem Bergwerk näherten. In etwa 1km Entfernung wurden wir in einem alten Barackenlager untergebracht, das schon vorher einmal als Unterkunft für Berg-werksarbeiter (russische Strafgefangene) gedient haben musste. Jede der knapp 50 Baracken war mit der jeweils gleichen Anzahl von Holzpritschen "bestückt". Darauf befanden sich mit Stroh ausgefüllte Jutesäcke und je eine Wolldecke. Man ließ uns nach all den Strapazen seit unserer Gefangenennahme etwas Zeit, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Wir beka-men jeden zweiten Tag ein halbes Kastenbrot (ca. 500 Gramm) und morgens und gegen Abend - und das monatelang - immer nur Graupen - oder Kapustasuppe sowie Hirsekascha, kein Fleisch, keine Kartoffeln.
Am dritten Tag nach der Ankunft mussten wir in mehreren Abteilungen auf der Lagerstraße antreten. Es wurde uns eröffnet, dass das aus vier Schächten bestehende und seit längerer Zeit stillgelegte Kupferbergwerk wieder in Betrieb genommen werden würde. Uns war klar, dass hierzu alle Arbeitsfähigen ausersehen waren. Für jeden der vier Schächte wurden je drei Schichten a acht Stunden eingeteilt. Das hieß also durchgehenden Betrieb.

Die Zeit im Bergwerk
Mich traf das Los, im Schacht IV zu arbeiten. Dessen Schachtsohle betrug 170 m. Schon nach der ersten Einfahrt bot sich uns ein "deprimierender" Anblick: Der Schacht war nicht einmal mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet. Statt dessen wurde jede Arbeitsgruppe ä 12 Mann mit vier Karbidlampen ausgerüstet. Auch die Verschalungen der einzelnen Stollengänge wa-ren überwiegend in einem mangelhaften Zustand (angefault). Wir waren einige Tage damit beschäftigt, diesem Mangel abzuhelfen, bevor wir unsere eigentliche Tätigkeit beginnen konnten. Ich wurde als Schipper eingeteilt. Diese Arbeit bestand darin, das abgesprengte Kupfererz auf die bereitgestellten Loren (etwa 2-3 m lange und 1m hohe Wägelchen auf Schienen) zu laden und zu den Förderkörben zu schieben. Jede Sprengung brachte unsere Karbidlampen infolge des nicht unerheblichen Detonationsdrucks trotz des Sicherheitsab-stands zum Erlöschen. Die Lampen wurden danach mittels bereitgelegter Lunten (glühender Zündfaden) wieder zum Leuchten gebracht. Streichhölzer oder Feuerzeuge gab es nicht. Ich muss noch erwähnen, dass das gewonnene Erz einen außergewöhnlich hohen Kupfergehalt von schätzungsweise 20% hatte.
So um Mitte August 1945 gab man uns die Möglichkeit, ein Lebenszeichen an die Angehöri-gen in die Heimat zu geben. Ich nehme vorweg, dass die Karte erst Ende Oktober 1946, also 14 Monate später und wenige Tage vor meiner Heimkehr bei meinen Eltern eintraf.
Nach etwa einem Vierteljahr fand ein Schachtwechsel statt. Meine Schicht wechselte zum Schacht III über. Dieser hatte eine Solentiefe von 130 m. Dabei erlebte ich eine Überra-schung: Ich wurde als Bohrer (!) eingeteilt. Nach einer kurzen Instruktion durch den russi-schen Schichtführer (Natschalnik), wie die Bohrmaschine zu handhaben sei, nahm ich also meine neue Tätigkeit auf. Meine Aufgabe war es, innerhalb der achtstündigen Schicht 12 Lö-cher von mindestens 80 cm Tiefe zu bohren. Dies ist mir auch einigermaßen gelungen. Ich verhehle nicht, dass ich die geforderte Bohrlochtiefe nicht immer erreichte. Dies lag aber nicht ausnahmslos an mir; denn die Bohrmaschine, bestimmt ein altes Modell, fing öfter an zu streiken, wozu auch das zum Teil spröde Gestein beitrug.
Nach einiger Zeit musste ich meinen Arbeitsplatz wechseln. In diesem Schacht befand sich - außer anderen auf der Schachtsole - noch eine Bohrstelle, die ca. 30 m höher lag. Um diese zu erreichen, musste man auf einer Holzleiter hochsteigen. Je mehr man sich dem Zwischens-tollen näherte, desto höher wurde die Temperatur. Ich bin sicher, dass diese über 40 Grad Celsius betrug. Man war infolge der Hitze gezwungen, mit entblößtem Oberkörper, ja zum Teil splitternackt zu arbeiten. Von den Stollenwänden sickerte ständig Kupfervitriol herab. Es war unausweichlich, dass sich diese ätzende Flüssigkeit tropfenweise auf dem Körper festsetzte und auf der Haut einen äußerst unangenehmen Juckreiz verursachte. Alle Versu-che, diesen loszuwerden, waren vergeblich. Im Gegenteil, das Kupfervitriol fraß sich durch die Haut bis auf die Rückenwirbelknochen hinein. Bei mir sind - nach 55 Jahren - noch die Narben zu sehen.
Mein neues Arbeitsgerät war jetzt ein Teleskopbohrer. Der Unterschied zu meiner vorherigen Bohrtätigkeit bestand darin, Bohrlöcher senkrecht nach oben anzubringen. Ich bekam hier einen "neuen" Arbeitskollegen zugeteilt, der die gleiche Funktion - nur etwa 10 m entfernt - ausübte. Es war ein Russe. Zwischen ihm und mir entstand, je länger wir beisammen waren, eine echte Freundschaft. Ich wurde von ihm in dieser Zeit regelmäßig (ohne Gegenleistung, ich hatte ja nichts zu bieten) mit Machorkatabak versorgt. Ab und zu fiel auch ein Stückchen Speck ab. Ich muss dazwischen flechten, dass von der Lagerleitung für unsere Tätigkeit kein einziger Rubel bezahlt wurde. Eines Tages eröffnete mir Wassili - so war sein Vorname -dass er Ende der 20-er Jahre zu 20 Jahren Verbannung und Zwangsarbeit verurteilt worden sei, weil er - seiner Meinung nach in Notwehr - einen Mann getötet habe. 18 Jahre der Strafe hatte er bereits verbüßt. Wie konnte ein in meinen Augen so gütiger Mensch töten? Ich glaubte sei-ner Notwehrversion.
Nur wenige Tage nach seiner Offenbarung geschah die Tragödie. Wassili hatte gerade mit seiner Arbeit begonnen, da löste sich über ihm eine gewaltige Erzlawine und begrub ihn, oh-ne dass er ausweichen konnte, unter sich. Ich konnte mich gerade noch mit einigen Sprüngen in Sicherheit bringen. Über Wassili türmte sich ein 4-5 m hoher Gesteinshügel auf. Jeder Ver-such einer Rettung war aussichtslos, da immer noch vereinzelt Brocken herabfielen. Man hät-te sich nur selbst in Gefahr gebracht. Nachdem die Kunde von dem Unglück bis zur Schacht-leitung durchgedrungen war, ordnete man an, dass der Unglücksstollen zu räumen sei. Der Schock saß tief in mir, als ich tags darauf erfuhr, dass Wassili nur noch tot geborgen werden konnte. Ich bekam die Unglücksstelle nicht mehr zu Gesicht, weil dieser Stollen daraufhin gesperrt wurde.
Die kleine Arbeitskolonne, die dort gearbeitet hatte (also auch ich), wurde nun nach Schacht I verlegt (Sohle 190m ). Dort fand man noch die besseren Arbeitsbedingungen vor. Es gab sogar elektrische Beleuchtung. Die Temperatur betrug etwa 16 Grad. Gottseidank wurde ich meinen "Job" als Bohrer los. Meine Aufgabe - ich arbeitete dabei allein - war es, das von der letzten Sprengung ausgefallene Gestein wegzukarren und in eine ca. 20m entfernte riesige unterirdische Halde hinabzuschütten. Mein Arbeitspensum war erledigt, sobald ich das Sprenggut vollständig weggeschafft hatte. Etliche Male war ich damit schon vor Ablauf der achtstündigen Schicht fertig und konnte mich in der restlichen Zeit etwas ausruhen.

Kurze Bemerkungen zum Lagerleben
Das Leben in unseren Behausungen und im freien Lagergelände bot kaum Abwechslung. Es wäre zu erwähnen, dass wir Schachtarbeiter in dieser Zeit mit kahl geschorenen Häuptern herumlaufen mussten, weil die Haare sich durch den eindringenden Erzstaub sonst verfilzt hätten. Seife, was wir darunter verstehen, gab es nicht, so dass die Hygiene auf der Strecke bleiben musste. Die Folge war, dass Gesichtshaut und der Hals sich immer mehr dunkelbraun verfärbten. So lief auch ich monatelang wie ein Mohr herum.
Um mir doch etwas Abwechslung im eintönigen Lagerleben zu verschaffen, trat Ich einem nach einigen Wochen gegründeten Männerchor bei. Der Leiter und Dirigent des Chores war der jüdische Lagerleiter, der übrigens ein sehr gutes Deutsch sprach und - wer weiß woher - das nötige Gesangsmaterial mit Werken aus dem klassischen deutschen Liederschatz (Schu-bert, Schumann, Knab) beschafft hatte. Im Lager wurde seitens der Lagerleitung und deut-scher Aktivisten dazu geworben, dem Aktionskomitee "Freies Deutschland" beizutreten, des-sen Gründer der meines Wissens noch vor Kriegsende zu den Russen übergelaufene General von Seydlitz war. Auch wenn diese Kampagne auf kein großes Echo stieß, so fanden sich doch etliche, Mitglied dieses Komitees zu werden. Zur "Belohnung" wurden ihnen erleichter-te Arbeitsbedingungen in Aussicht gestellt, z.B. Küchendienst, Verpflegungspersonal oder auch Aufsicht in den Schächten, ohne selbst arbeiten zu müssen.

Ein Verrat und seine Folgen
Ich komme nun zurück auf die letzten meiner oben erwähnten Ausruhezeiten. Eines Tages erschien unvermittelt ein solcher deutscher Aufseher und stellte mich - auf dem Schubkarren sitzend - zur Rede, warum ich nicht arbeiten würde. Ich machte ihm deutlich klar, dass ich mit der mir zugeteilten Arbeit fertig sei. Obwohl er sah, dass die Bohrstelle leergeräumt war, eröffnete er mir, dass er dem leitenden Natschalnik Meldung wegen meines Nichtstuns erstat-ten würde. Die Folge dieser Denunziation war, dass ich zwei Nächte in einen ungeheizten Bunker gesperrt wurde. Es war schon Anfang Dezember mit Außentemperaturen von minus 8-10 Grad. Ich musste mich in den zwei Nächten im Bunker wach halten. Anderenfalls wäre ich Gefahr gelaufen, zu erfrieren.
Der Name des deutschen Denunzianten, der als Brigadeführer fungierte, ist mir bis heute im Gedächtnis haftengeblieben: Er hieß Scheidsteger und stammte aus Duisburg-Meiderich. Dieser Mann war auch dafür verantwortlich, dass ich wenigeTage danach mit noch etwa 50 Mann zu einem sogenannten Holzfällerkommando abgeordnet wurde.

Das Leben auf der Holzkolchose
Mitte Dezember wurden wir in einen Güterwagen verladen, der dann an einen Güterzug an-gehängt wurde. Die Fahrt ging nordwärts über ca. 300km bis zu den Ausläufern des Urals und dauerte knapp zwei Tage. Da unser Zielort nicht an der Bahnlinie lag, wurden wir auf freier Strecke abgesetzt. Es lag bereits Schnee. Man gab uns zu verstehen, dass wir bis zu unserem Quartier noch einige Kilometer zu Fuß zurückzulegen hätten. Daraus wurden schätzungswei-se 10 km. Da der Marschweg nur teilweise geräumt war, mussten wir des öfteren durch knie-tiefen Schnee stapfen. Todmüde erreichten wir bei bereits hereinbrechender Dämmerung un-ser Quartier. Wir konnten alle in einem saalartigen Raum untergebracht werden. Nach einem wohlverdienten Ruhetag erwartete uns nun die neue Tätigkeit: Holzfällen (mit großen Hand-sägen), Abästen und Zersägen der gefällten Bäume (zumeist Fichten). Der Wald, unsere neue Arbeitsstätte, war etwa 2,5 - 3 km von unserem Quartier entfernt. Unter Bewachung durch einen russischen "Landser" arbeiteten wir täglich etwa sieben Stunden. Morgens (vor dem Abmarsch) und abends (nach der Rückkehr) gab es immer nur Heringssuppe oder Ka-pustasuppe und Hirsekascha, auch hier kein Fleisch, keine Kartoffeln. Jeden zweiten Tag er-hielten wir 250 Gramm Brot, das überwiegend gefroren war und bei dem sich im Inneren so-gar Eisklümpchen gebildet hatten. Wir mussten es im Quartier über Nacht erst auftauen. So verging Tag um Tag. Mittlerweile war der Januar 1946 angebrochen. Das Weihnachts- und Neujahrsfest gingen spurlos an uns vorüber. Zumindest bei mir kamen diesbezüglich Gedan-ken auf, wie es wohl wäre, wenn ich diese Tage in der fernen Heimat bei meinen Angehörigen hätte verbringen können. Eines Tages - es dürfte Mitte Januar gewesen sein - fasste ich, her-vorgerufen durch das ständige Essenseinerlei, einen fast kühnen Entschluss: Ich wollte den "Speisezettel" bereichern. Deshalb schlich ich mich nach Einbruch der Dunkelheit unbe-merkt aus dem Quartier und machte mich auf den Weg zu einem der nicht allzu weit entfern-ten Gehöfte, die ich schon ausfindig gemacht hatte, um dort um rohe Kartoffeln zu betteln. Ich hatte schon Bedenken, ob mein heimlicher Ausflug wohl erfolgreich sein würde. Auch konnte ich ja nicht voraussehen, wie sich die dortigen Hausbewohner verhalten würden, wenn plötzlich ein deutscher Kriegsgefangener vor ihnen auftaucht und zudem bittet, ihm ein paar Kartoffeln zu geben. Nebenbei muss ich einflechten, dass ich mir während meines Ein-satzes an der Ostfront (westlich vom llmensee) - wenn auch dürftig - russische Sprachkennt-nisse angeeignet hatte. Für eine leidige Verständigung reichten sie aus. Ich näherte mich also dem Blockhaus, in dem ich eine Karbid- oder Petroleumlampe brennen sah und klopfte an. Es meldete sich eine Frauenstimme mit dem russischen Wort "da" (auf deutsch "ja"). Ich trat ein und sah, dass sich in der ärmlich ausgestatteten Stube noch zwei oder drei erwachsene Perso-nen befanden, die, soweit ich mich noch erinnern kann, ein ziemlich verdutztes Gesicht machten. Ich meldete mich mit dem Gruss "dobre wetscher" ("Guten Abend") und brachte gleich mein Anliegen vor. Nach einem kurzen Wortwechsel mit den anderen Stubeninsassen verließ die schon ältere Frau den Raum und kam kurz danach zurück. Sie hielt in beiden Händen etwa ein Dutzend Kartoffeln und überreichte sie mir. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich darauf das Wort "spassiva" ("danke") ausgesprochen habe, so übermannt war ich in diesem Moment. Mit einem freundlichen "do swidanja" ("Auf Wiedersehen") verließ ich das Haus und ging in Richtung Quartier zurück. Ohne von den Wachposten bemerkt zu werden - es war ja stockfinster - schlich ich mich in die Unterkunft und erreichte ebenso unbemerkt meine Holzpritsche. Ich leerte meine mit Kartoffeln gefüllten Taschen und legte meine "Beute" un-ter den Kopf. Während ich in meinen "Bett" dahindöste, musste ich lange an die zurücklie-gende knappe Stunde denken. Mich hatte die zurückhaltende Freundlichkeit und Unvorein-genommenheit der Leute beeindruckt, denen ich im Blockhaus gegenübergestanden hatte. Am nächsten Morgen ging es wieder in den Wald hinaus. Ich nahm die Hälfte der erhaltenen rohen Kartoffeln mit, um sie in ein Lagerfeuer zu werfen und, wie man es in meiner Kindheit während der Ferien auf dem Land getan hatte, mitsamt der Pelle zu rösten. In einer Arbeits-pause verzehrte ich die außerordentlich schwarzen "Produkte" in noch heißem Zustand mit vollem Genuss. Die erste "Kartoffelspeise" seit ungefähr einem Jahr! Ich ließ auch einen Kameraden teilhaben, mit dem ich zusammenarbeitete. Dasselbe wiederholte ich einige Tage später mit der anderen Hälfte. Schon am Tag darauf fing mein Magen an zu rebellieren. Ich hatte, verursacht durch den Verzehr einer gefrorenen Kartoffel (was mir dabei nicht bewusst war), zunächst nur leichten Durchfall bekommen, der sich von Tag zu Tag verschlimmerte und sich als Ruhr (Brechdurchfall) herausstellte.
Es folgte nun eine Zeit, die ich als Tiefpunkt meines Lebens bezeichnen möchte. Die Ruhr schwächte meinen Körper immer mehr.
Trotzdem musste ich nach wie vor in den Wald hinaus. Durch den andauernden Durchfall verlor ich kontinuierlich an Gewicht (ich wog zuvor immerhin ca.75 kg). Die körperliche Schwächung nahm in gleichem Maße zu. So vergingen etwa drei Wochen, ohne dass der La-gerleiter (ein jüngerer russischer Armeeleutnant) mich als arbeitsunfähig ansah. Einen Arzt gab es nicht.
Es mag Ende Februar gewesen sein, als nach einem weiteren Arbeitstag im Wald der Rück-marsch angetreten wurde. Die Abenddämmerung war schon angebrochen. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Meine Schritte wurden immer langsamer und kürzer. Ich konnte dem Marschtempo nicht mehr folgen und blieb immer weiter zurück, ohne dass dies von jemandem (auch vom Wachposten) bemerkt wurde. Nach etwa der Hälfte des Rückweges brach ich bewusstlos zusammen. Sollte auf diese Weise mein Leben in Gefangenschaft en-den? Ich weiß natürlich nicht, wie lange ich bei erheblicher Kälte im Schnee gelegen war. Als ich plötzlich aus meiner Ohnmacht erwachte, befand ich mich zu meinem Erstaunen wieder bei meinen Kameraden. Diese erzählten mir, dass mich eine jüngere Frau, die (wohl ein klei-nes Wunder) an der Stelle, wo ich bewusstlos gelegen war, vorbeikam, mich aufgelesen und auf ihren Panjeschlitten ins Quartier zurückgebracht hatte. Noch unzählige Male in den ver-gangenen 54 Jahren musste ich an meine unbekannt gebliebene Lebensretterin denken. Ich wurde nun in einen Raum verlegt, der als Krankenzimmer diente und in dem schon drei eben-falls Arbeitsunfähige lagen. Durch die etwa drei bis vier Wochen anhaltende Ruhr hatte ich mindestens 30 kg an Körpergewicht verloren. Ich war nicht mehr imstande, zu gehen. Was war aus mir, der vorher so kräftig und sportlich, so gestählt war, geworden! Aber ich durfte nicht aufgeben, weil ich von dem Willen besessen war, ich müsse - früher oder später - die Heimat wiedersehen. Nachdem ich, abgemagert bis auf Haut und Knochen, etwa eine Woche zum Liegen verurteilt war, begann ich mit den ersten Gehversuchen. Es stellten sich bald sichtbare Erfolge ein, auch wenn ich noch einen Stock zu Hilfe nehmen musste. Nach einigen Tagen war es so weit, dass ich auf diese Gehhilfe verzichten konnte. Der Lagerleiter teilte mir (ich fungierte als Hilfsdolmetscher!) nach etwa 14 Tagen Aufenthalt auf der "Krankenstati-on" mit, dass er die vier schwersten Krankenfälle -die Anzahl der Arbeitsunfähigen war in-zwischen größer geworden - in ein Zivilkrankenhaus bringen würde. Tatsächlich fuhr er am nächsten Tag in einem niedrigen Panjeschlitten vor, vor den ein Pferd gespannt war. Ich ge-hörte zu den vier Auserwählten. Wenn auch noch eine ausreichende Schneedecke vorhanden war, so hatte doch schon eine Schneeschmelze eingesetzt. Dies hatte bewirkt, dass der Weg, den wir nehmen mussten, in den Mulden vom Schneewasser überflutet war. Dies reichte aus, dass wir vier, bedingt durch die niedrigen Sitze, bis zum Gesäß durchnässt wurden. Unser "Kutscher" blieb davon verschont, weil er auf einem erhöhten Bock saß. Nach etwa drei bis vier Stunden erreichten wir gegen Abend einen größeren Ort, in dem sich das Krankenhaus befinden sollte. Der Lagerleiter setzte uns in einem beheizten und mit notdürftiger Beleuch-tung ausgestatteten Keller eines größeren Gebäudes ab und ließ uns wissen, dass er sich erst erkundigen müßte, ob in dem Krankenhaus für uns noch Plätze frei wären. Nachdem er uns ein etwa dreipfündiges Kastenbrot übergeben hatte, teilte er uns mit, dass er am nächsten Morgen wiederkommen würde. Dann entfernte er sich und überließ uns unserem Schicksal.
Es war eine Nacht, deren Geschehnisse mir auch nach 54 Jahren in meinem Gedächtnis haf-ten geblieben sind. Unter uns waren zwei, deren körperlicher Zustand als erbärmlich zu be-zeichnen war. Es stellte sich heraus, dass die beiden weder den Stuhlgang noch das Wasser mehr halten konnten. Wir anderen zwei mussten uns als Samariter betätigen. Gottseidank war es in dem Keller so warm, ja übermäßig warm, dass wir den beiden anderen ihr Gewand aus-ziehen und den Kot aus ihren Hosen entfernen konnten. Glücklicherweise war ein eisernes Waschbecken vorhanden, in dem wir die besudelte Kleidung einigermaßen reinigten. Die nassen Kleider trockneten infolge der Überwärme im Raum verhältnismäßig schnell, so dass wir die beiden nach etwa drei Stunden wieder ankleiden konnten. Inzwischen war es be-stimmt schon nach Mitternacht geworden. Aufgrund des Mangels an Schlafgelegenheit muss-ten wir die restliche Nacht auf dem Fußboden verbringen, frieren konnten wir ja nicht.
Am darauffolgenden Vormittag erschien unser "Schlittenführer" und ließ uns wissen, dass in dem Krankenhaus, in dem wir untergebracht werden sollten, kein Platz mehr frei gewesen sei. Somit müsse er uns wieder in das Lager zurückbringen. Er lud uns also wieder auf den schon bereitgestellten Panjeschlitten und gab das Zeichen zur Rückfahrt. Erneut mussten wir des öfteren mit dem aufgestauten Schmelzwasser Bekanntschaft machen.
Wir waren froh, als wir in etwa der gleichen Zeit wie auf dem Hinweg - völlig durchnässt - das Lager erreichten und wieder in der sogenannten Krankenstube untergebracht worden wa-ren. Die hinter uns liegenden Strapazen hatten an unseren noch vorhandenen Kräften weiter gezehrt. Und so trat ein, was ich schon befürchtet hatte: Am nächsten Morgen lagen meine zwei Nebenmänner, denen ich zwei Abende davor noch Samariterdienste geleistet hatte, tot auf der Holzpritsche. Zwei Tage danach ereilte auch den Dritten von uns Vieren das gleiche Schicksal. Ich dankte meinem Schutzengel (so es welche gibt!) dass mir das Leben auch in diesem Fall erhalten geblieben war. Natürlich war ich nach wie vor arbeitsunfähig, konnte mich aber recht und schlecht auf den Beinen halten. Der eiserne Wille, diesen Tiefpunkt meines Lebens zu überstehen, war stärker als die Gedanken, letztendlich doch zugrunde ge-hen zu müssen. So vergingen die Tage mit Nichtstun und ich dachte darüber nach, wie es mit mir wohl weitergehen würde. Der noch arbeitsfähige Teil des Holzkommandos ging weiter seiner Arbeit im Wald nach. Die Anzahl der Arbeitsunfähigen war jedoch angewachsen. In dieser Zeit ereignete sich, dass sich - unbemerkt vom Wachposten - drei Mann von ihrer Ar-beitsstelle davongeschlichen hatten, um in einem der in der Nähe gelegenen Gehöfte eben-falls nach Kartoffeln zu betteln. Ich hatte also "Nachahmer" gefunden. Ihnen war ein Erfolg jedoch nicht beschieden. Der Ausreißversuch endete damit, dass die drei gefasst und dem Lagerleiter überstellt wurden. Die über sie verhängte Strafe war aus meiner Sicht barbarisch: Jeder der drei musste sich bei heruntergelassener Hose mit dem nackten Hintern für ca. 15 Minuten in den nassen Schnee setzen. Ich konnte die Szene von einem Zimmerfenster aus beobachten. Diese Prozedur haben die drei gottseidank überlebt.
Es war inzwischen Mitte April geworden und es setzte starkes Tauwetter ein. Im Lager sicker-te durch, dass die Arbeitsunfähigen demnächst in das Hauptlager zurücktransportiert werden sollten.

Rückkehr ins Hauptlager
Tatsächlich fuhr eines Morgens ein uralter LKW vor, der etwa 25 Mann aufnehmen konnte. Ich gehörte zu meiner Freude zu den Auserwählten. Es verging keine Stunde, bis wir unsere Plätze eingenommen hatten und der LKW sich in Bewegung setzte. Dessen Ladefläche war zwar mit Holzbänken bestückt, die aber von den wenigsten als Sitzgelegenheit benutzt wer-den konnten; denn das Sitzen bereitete den meisten (mich eingeschlossen) schon nach weni-gen Kilometern auf holperiger "Straße" wegen der abgemagerten Körper erhebliche Schmer-zen. Man war daher gezwungen, sich auf den Boden zu legen.
Gegen Abend des gleichen Tages kamen wir nach ca. acht Stunden Fahrt im Hauptlager an und wurden gleich auf die Krankenstation verlegt. Man "bestaunte" dort unsere ausgezehrten Körper. Ich war froh, dass ich das Abenteuer Holzkolchose überstanden hatte.

Auf der Krankenstation
Ich erfuhr, dass der Tod im Hauptlager schon kräftig Einzug gehalten hatte. Die Anzahl der Lagerinsassen - ursprünglich etwa 2400 Mann - soll, so erzählt man, auf weit weniger als 2000 gesunken sein.
Ich lag nun schon seit einiger Zeit auf der Krankenstation, als überraschend eine Ärztekomis-sion erschien, die die Aufgabe hatte, über den Krankheitszustand jedes Einzelnen zu befin-den. In diesem Gremium befand sich auch eine Ärztin. Diese war trotz einiger Bedenken der beiden anderen Kollegen maßgeblich daran beteiligt, dass ich als absolut arbeitsunfähig be-funden wurde. Mir wurde auch der Krankheitsstatus "Dystrophie IV" zuerkannt. Diese ist die stärkste Form der Abmagerung und Körperschwächung.
Es war inzwischen Ende Juni geworden und durchgesickert, dass alle Arbeitsuntauglichen in absehbarer Zeit in die Heimat zurückgeschickt werden sollten. Zu meiner und der anderen Freude stand kurz darauf ein auf den Bergwerksgleisen abgestellter Güterwagenzug zur Ab-fahrt bereit. Der lange ersehnte Augenblick war also gekommen.

Abschied vom Ural
Die Verladung ging zügig vonstatten. Man nahm gerne in Kauf, dass wieder etwa 50 Mann in jedem Waggon - es mögen dann 12 gewesen sein - untergebracht werden mussten. Ein Glücksgefühl erfasste mich, nach der Abfahrt die Fördertürme des Bergwerks immer mehr entschwinden zu sehen. Die Fahrroute war zunächst nicht erkennbar. Ich stellte jedoch fest, dass wir die Berge des Urals nicht durchquerten, sondern auf der sibirischen Seite südwärts fuhren. Am nächsten Tag erreichten wir nach einigen Aufenthalten die nächstgrößere Stadt Tscheljabinsk, weitere drei Tage später die südlich des Urals gelegene Stadt Orsk und schließlich
Orenburg (Chkalow?). Dort angekommen hieß es plötzlich, dass die Fahrt zu Ende sei und wir die Waggons verlassen müssten. Ich vermutete, dass dies eine Vorsichtsmaßnahme sein sollte, weil die hygienischen Zustände in den Waggons sich mehr und mehr verschlechterten. Mir kam zu Ohren, dass schon vorher einige Schwerkranke herausgeholt werden mussten. Über deren Schicksal war natürlich nichts mehr zu erfahren.

Aufenthalt in Orenburg
Am Stadtrand von Orenburg wurden wir in einem großen, leerstehenden Gebäudekomplex untergebracht, der uns als "Lazarett" ausgegeben wurde. Er bestand aus mehreren saalartigen Räumen, die mit Holzpritschen ausgestattet waren. In jedem dieser Räume fanden etwa 60 Mann Platz. Die Lagerstätten erwiesen sich als richtige Wanzennester. Die Belästigung durch die Blutsauger, besonders in der Nacht (auch Läuse waren darunter), war kaum auszuhalten. Es musste etwas dagegen unternommen werden. Dies geschah in der Weise, dass wir alle Holzpritschen ins Freie trugen, um den Biestern zu Leibe zu rücken. Wir schlugen die Prit-schen einfach auf das Steinpflaster auf. Mit jedem Schlag fiel aus den Ritzen eine große An-zahl des Ungeziefers zu Boden. Es war eine Wonne, die lästigen Kreaturen umgehend zu zer-treten oder mit einem Stück Holz zu zerdrücken. Ich machte mir bei dieser Aktion die "Mü-he", meine Opfer zu zählen. Bei 300 Stück allein bei meiner Pritsche hörte ich mit dem Zäh-len auf. Der Boden war von Blut getränkt und verbreitete einen den Wanzen eigenen penet-ranten Geruch. Wir wollten aber auf Nummer sicher gehen, indem wir die Pritschen über ein qualmendes Feuer hielten, um etwa noch überlebende Blutsauger auszuräuchern. Tatsächlich krochen noch etliche aus ihren Verstecken hervor und ließen sich auf den Boden fallen, wo sie entweder in dem schwelenden Feuer oder durch uns den Tod fanden. Die Pritschen hatten trotz der ungewöhnlichen Prozedur keinen Schaden genommen. In der folgenden Zeit wurden wir zu unserer Genugtuung von dem Ungeziefer nicht mehr gepiesackt. Die Vernichtungsak-tion war also ein voller Erfolg. Über die Dauer des Aufenthalts in dem "Lazarett" wurden wir im Ungewissen gehalten. Abgesehen davon, dass die Verpflegung auch hier eintönig war (Graupen- oder Hirsekascha, Kapustasuppe, abgekochtes Wasser zum Trinken), konnten wir uns über die Behandlung nicht beklagen und uns zu bestimmten Zeiten im Lazarettbereich frei bewegen. Etwa zwei bis drei Wochen waren die einigermaßen Arbeitsfähigen, wozu ich mich auch zählen durfte, damit beschäftigt, Stacheldraht aufzuwickeln, der rund um das rie-sige Gelände gespannt war.
Es war inzwischen Mitte August 1946 geworden. Endlich hieß es, dass ein neuer Transport-zug auf uns warten würde. Natürlich kam erneut große Freude auf, konnten wir doch hoffen, dass es nun endgültig Richtung Heimat ging.

Wolga-Überquerung und Zwischenaufenthalt in einer Entlausungsanstalt
Wir wurden wieder in Güterwaggons untergebracht, wie üblich 50 Mann je Waggon. Der Transportzug rollte nun gemählich westwärts. Zwei bis drei Tage nach der Abfahrt in Oren-burg erreichten wir die nächstgrößere Stadt Kuibyschew (jetzt Samara). Unmittelbar danach bekamen wir die Wolga zu Gesicht. Uns bot sich ein imposanter Anblick, während wir den riesigen Strom überquerten. Die Möglichkeit dazu gab uns ein etwa 30-40 cm großer Tür-spalt, der zur Be- und Entlüftung diente; denn es war in jenen Tagen sehr warm. Nach einem weiteren Tag erreichten wir die Stadt Penza (ca. 400 - 500 km südlich von Moskau). Dort hieß es plötzlich, dass wir die Waggons verlassen müssten. Wir wussten zunächst nicht, was dies zu bedeuten hatte. Nach dem Aussteigen wurden wir zu einem länglichen flachen Ge-bäude geführt. Dort angekommen hieß es, dass wir uns - natürlich nicht gleichzeitig, sondern gruppenweise - unserer Kleidung entledigen müssten. Jetzte wurden wir gewahr, dass wir bei einer Entlausungsanstalt gelandet waren. Nach und nach mussten wir eine große Tür passie-ren und unsere Kleidungsstücke samt aller etwa noch verbliebenen Habseligkeiten abgeben. Ich hatte bis dahin noch eine Art Tagebuch geführt, das mir auch abgenommen wurde. Wäh-rend der Durchschleusung wurde uns aber auch eine Wohltat zuteil: Wir "durften" in einem der Räume unter eine gut temperierte Dusche, die wir mit Wonne genossen. Am Ende des Ge-bäudes nahmen wir die zuvor abgelegten Kleidungsstücke wieder in Empfang. Dass diese - bei 600 Mann - überwiegend den Besitzer wechselten, war nicht verwunderlich. Der Aufent-halt in der Entlausungsanstalt dauerte fast einen Tag. Meine Tagebuchaufzeichnungen gingen bei der Durchschleusung verloren. Bestimmt hatte ich darin stichwortartig noch einige Epi-soden festgehalten, die nicht in meinem Gedächtnis haften geblieben sind. Man wird mich in diesem Zusammenhang vielleicht fragen, was mir ermöglicht habe, überhaupt solche Auf-zeichnungen zu machen: Es war der auf so tragische Weise ums Leben gekommene Wassili, der mir zuvor einen Bleistift und Schreibpapier besorgt hatte. Als sämtliche Leute durchge-schleust waren, bestiegen wir wieder die Waggons.

Dritte Etappe Penza - Minsk
Die Fahrt ging also weiter, ohne dass sich Nennenswertes ereignete. Natürlich musste der Zug des öfteren anhalten, um vor allem Personenzüge vorbeizulassen. Die Route, die wir ab Penza nahmen, kann ich nicht beschreiben. Sicher ist jedoch, dass wir südlich von Moskau in west-licher Richtung weiterrollten. Es waren seit der Abfahrt von Orenburg nunmehr mindestens 12 Tage vergangen, als wir in Minsk, der Hauptstadt von Weißrussland, ankamen. Dort muss-ten wir den Zug verlassen; denn von hier an hatten die Gleise in Richtung Polen eine geringe-re Spurweite. Wir wurden in einen anderen Güterzug umquartiert. Nachdem dies geschehen war, ging die Fahrt nicht etwa gleich weiter; denn auf uns wartete eine neue Aufgabe. In ei-nem in der Nähe abgestellten Güterzug (mit schmälerer Spurweite) waren, wie sich heraus-stellte, tonnenweise in Kartons verpackte Bücher, Zeitschriften und Broschüren aus der Uni-versitätsbibliothek Halle an der Saale geladen. Diese wertvolle Fracht, bestimmt eine Kriegs-beute, mussten wir unter Aufsicht russischer Soldaten in einen bereitgestellten Güterzug mit größerer Radspurweite umladen. Nachdem dies geschehen war, konnten wir wieder in "unse-ren" einsteigen. Am Morgen des nächsten Tages fuhren wir von Minsk ab.

Vierte Etappe von Minsk nach Frankfurt/Oder mit anschließendem Lazarettau-fenthalt
Die Fahrt ging weiter über Wilna und Kowno (Kaunas). Wir näherten uns der russisch-polnischen Grenze. Während wir bis dorthin bei eingelegten Stops auf freier Strecke die Waggons verlassen durften, um die Notdurft zu verrichten, wurden am Grenzübergang die Waggontüren verriegelt. Diese Maßnahme war anscheinend notwendig, da bei der Durchfahrt durch Polen Übergriffe seitens der seinerzeit noch feindlich gesinnten Bevölkerung zu be-fürchten waren.
Ich fühlte mich schon sehr bald nach der Abfahrt von Minsk nicht mehr wohl und führte das auf die Tatsache zurück, dass ich beim Umladen der Kartons ziemlich ins Schwitzen gekom-men war. Ich bekam Schweißausbrüche und hohes Fieber. Medizinische Hilfe konnte mir nicht zuteil werden, weil weder ein Arzt noch entsprechende Arzneimittel vorhanden waren. Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich immer mehr.
Die Ankunft in Frankfurt/Oder - nach 17-tägiger Fahrt ab Orenburg - und die sich anschlie-ßende Aufnahme habe ich nur im Unterbewusstsein wahrgenommen. Wie es mit mir weiter-ging, wurde mir erst, nachdem ich wieder bei einigermaßen bei klarem Bewusstsein war, von dem mich behandelnden Arzt (stammte aus Würzburg) und einer ebenfalls deutschen Kran-kenschwester erzählt. Demnach wurde bei mir eine doppelte Lungen- und Rippenfellentzün-dung diagnostiziert und bei der Aufnahme ins Lazarett 41,2 Grad Fieber gemessen. Ich be-fand mich in einem schweren Delirium. Dies ging soweit, dass ich mein Krankenbett verließ und am Gangende aus dem Fenster springen wollte. Irgend jemand vom Pflegepersonal hielt mich - gottseidank - zurück. Ich wurde nach dem Vorfall medizinisch stillgestellt. Nach ei-nem ausgiebigen Tiefschlaf wachte ich nach fast zwei Tagen wieder auf. Dank der ärztlichen und krankenschwesterlichen Betreuung war das hohe Fieber weitgehend zurückgegangen und auch die Lungen- und Rippenfellentzündung im Abklingen. Ich konnte jetzt wenigstens wie-der klar denken. So stellte ich fest, dass ich in einem Krankensaal untergebracht war, in dem etwa 35 Mann lagen, von denen einige schon vom Tod gezeichnet waren. Es verging fast kein Tag, an dem es keinen Toten gab. Als ich eines Morgens aus dem Schlaf erwachte, sah ich, dass meine zwei Bettnachbarn tot auf einer Bahre aus dem Krankensaal getragen wurden. Einer davon stammte aus Berlin und hatte bereits seine Eltern verständigen lassen, dass er sich im Lazarett Frankfurt/Oder befände. Das Schicksal hatte also ein weiteres trauriges Ka-pitel geschrieben. In der Zeit meines dortigen Aufenthalts (etwa drei Wochen) starben 17 Leute.
Meine Genesung machte erfreulicherweise weitere Fortschritte. Der Arzt stellte in Aussicht, dass ich demnächst in ein Zivilkrankenhaus überwiesen werden könne, um dort noch etwas "aufgepäppelt" zu werden. Ich wog ja immer noch weit unter 50 kg. Nach etwa 20 Tagen Auf-enthalt im Lazarett wurde ich transportfähig geschrieben. Der mich behandelnde Arzt hatte schon alles in die Wege geleitet und mir mitgeteilt, dass ich mit noch drei Mann in einem Krankenwagen nach Bitterfeld bei Halle an der Saale gebracht werden würde.

Aufenthalt in Bitterfeld
Es war mittlerweile Mitte Oktober 1946. Nach drei bis vier Stunden Fahrt (ca. 150 km) kamen wir in Bitterfeld an und wurden im dortigen Zivilkrankenhaus aufgenommen. Für uns war bereits ein 4-Bett-Zimmer "reserviert" worden. Endlich konnte ich in einem richtigen Bett liegen und schlafen. Und das nach vier Jahren, als mir der einzige Heimaturlaub während des Krieges gewährt wurde. Endlich gab es auch eine für die damalige Zeit zufriedenstellende Verpflegung. Was mich verwunderte: Jeder von uns bekam pro Tag 6 Zigaretten (Marke "Sondermischung") zugeteilt. Das Rauchen war für mich damals tabu. Unter dem Kranken-hauspersonal hatte ich dankbare Abnehmer. Ich tauschte die Zigaretten gegen Zahnbürste und Zahnpasta ein. Die Betreuung war - wie schon in Frankfurt - wirklich vorbildlich. Trotz-dem hatte ich nur ein Ziel, möglichst bald nach Hause zu kommen. Nach etwa 10 Tagen Bit-terfeld wurde ich bei dem Stationsarzt vorstellig und trug mein diesbezügliches Anliegen vor. Ich sagte ihm, dass mein gesundheitlicher Zustand, von der Magerkeit abgesehen, sich inzwi-schen soweit gebessert habe und nach meinem Dafürhalten einer vorzeitigen Entlassung nichts mehr entgegenstünde. Der Arzt erbat sich eine Bedenkzeit aus. Tatsächlich gab er nach zwei Tagen seine Zustimmung zur Entlassung, sagte jedoch, dass ich für die Fahrtkosten nach Oelsnitz (Vogtland) selbst aufkommen müsse. Wie sollte ich jetzt zu Geld kommen? Nun hat-te ich erneut Glück. Es waren keine zwei Stunden seit der Unterredung mit dem Arzt vergan-gen, als die Stationsschwester auf mich zukam und mir 42 Reichsmark übergab. Der Arzt hat-te auf der Krankenstation von meinem Problem erzählt, worauf unter dem Krankenhausper-sonal eine "Spendenaktion" gestartet worden war. Gerührt bedankte ich mich für den gesam-melten Geldbetrag.

Vorletzte Etappe Bitterfeld - Hof
Die Entlassungsformalitäten waren schnell erledigt. Ein Krankenwagen brachte mich recht-zeitig zum Bahnhof, nachdem ich vorher den Fahrplan studiert hatte. Ich durfte das erste Mal seit Mai 1945 einen Personenzug besteigen. Die Fahrt ging zunächst nach Leipzig, wo ich in einen anderen Zug umsteigen musste, dann über Crimmitschau und Plauen nach Oelsnitz (Vogtland). Dort erhielt ich nach einer Übernachtung in einer von den Russen verwalteten Herberge den russischen Entlassungsschein, der mich berechtigte, die Zonengrenze nach Bayern zu passieren. Von Oelsnitz ging ein Zug direkt nach Hof-Moschendorf. Dort hatte ich einen längeren Aufenthalt und wurde von der Caritas verpflegt. Endlich - es war schon fast Mitternacht - konnte ich den Zug Richtung München besteigen. Die Fahrt war natürlich - auf-grund des Entlassungsscheins - kostenlos.

Die Heimkehr
Man schrieb den 31. Oktober 1946, als der Zug gegen acht Uhr morgens in den Münchener Hauptbahnhof einfuhr. Nach dem Aussteigen begab ich mich zunächst an einen aus leeren Bierfässern gebildeten Stehausschank, um ein Glas Dünnbier zu trinken. Ich wurde von den herumstehenden Menschen wegen meiner zerlumpten Kleidung und meines Stiftenkopfes (in der Entlausungsanstalt in Penza wurden allen nochmals die Haare im Schnelldurchlauf kurz-geschnitten) mitleidig bestaunt, schon deswegen, weil ich wahrscheinlich einer der ersten aus russischer Gefangenschaft entlassenen Heimkehrer war, die aus München stammten. Natür-lich musste ich viele Fragen über mein Leben in Gefangenschaft beantworten. Ich bekam von mehreren Seiten Brot-, Fleisch- und Lebensmittelmarken geschenkt, die ich dankbar entge-gennahm. Selbst das bestellte Dünnbier (es gab seinerzeit noch kein Vollbier) brauchte ich nicht zu bezahlen.
Nach etwa einer Stunde verließ ich den Hauptbahnhof und ging zur gegenüber gelegenen Trambahn-Haltestelle. Dort stellte ich fest, dass noch die mir vertraute Linie 7 nach Mil-bertshofen verkehrte. Der Trambahnschaffner verlangte von mir wahrscheinlich auch aus Mitleid - kein Fahrgeld. Ich ging nach dem Aussteigen an der Haltestelle Görres-Schleißheimerstraße in Richtung Winzererstraße 17, wo meine Eltern wohnten. Mein Puls-schlag steigerte sich, je mehr ich mich der offenen Haustür näherte. Wie würde man wohl re-agieren, wenn man mich nach dem Öffnen der Wohnungstür stehen sah? Ich ging die zwei Treppen hoch und läutete. Meine Mutter öffnete die Tür und sah mich zunächst verwundert an, weil sie im ersten Moment glaubte, einem Fremden gegenüberzustehen und ich mich auch nicht gleich zu erkennen gab. Plötzlich stieß sie einen Schrei aus und rief laut: "Das bist ja Du, lieber Alfred!" Gleichzeitig nahmen wir uns gegenseitig in die Arme. Es flössen dabei nicht nur bei meiner Mutter Freudentränen. Unmittelbar darauf tauchte auch mein Bruder Erich auf, der mich ebenso herzlich und stürmisch begrüßte. Mein Vater war nicht zu Hause und beruflich unterwegs. Nichtsdestoweniger war, als er nachmittags heimkam, auch hier die Wiedersehensfreude groß. Ich musste nunmehr ausgiebig erzählen. Natürlich wurde ich von allen immer wieder wegen meines abgemagerten Körpers bemitleidet, was mich aber nicht weiter störte. Die Hauptsache war, dass ich meinen 17-monatigen Leidensweg endlich und glücklich hinter mich gebracht hatte.

Ende


oo München 05.01.1950 Else Schatzl

Vater:Hans Beer

Mutter:Maria Weiß

Geschwister:Hans

Erich

Kinder:Elisabeth


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